Bis auf weiteres…

Die Spitzen der Politik hatten sich wieder einmal versammelt, um erneut über das weitere Vorgehen in der Flüchtlingsfrage zu verhandeln. Aber wie schon bei früheren, hartnäckigen Debatten war das Treffen auch diesmal ohne nennenswertes Ergebnis verlaufen und ein gemeinsames Vorgehen zum x-ten Mal auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben worden.
Der protestierende Verhandlungsteilnehmer kehrte frustriert in seine Heimat zurück, nachdem er trotz ernsthafter Drohungen mit seinen Forderungen wieder nicht ans Ziel gelangt war. Seine treu ergebenen Mitstreiter erwarteten ihn schon gespannt. Sie redeten sich gemeinsam die Köpfe heiß, was man noch unternehmen könne, um endlich die eigenen Vorstellungen von der Flüchtlingspolitik durchsetzen zu können. Nach einem lauten Knall, möglicherweise verursacht durch die überhitzten Gemüter, fand sich die völlig überraschte Runde urplötzlich vor der Himmelspforte wieder.
Da standen sie nun, die wackeren Mannen, so unvermutet ihrer vertrauten Umgebung beraubt, mit erstaunt, erwartungsvollen Gesichtern. Doch zu ihrem Entsetzen war das Tor verschlossen. Der Vorsteher übernahm wie gewohnt das Kommando und klopfte entschieden an das Tor.
„Hallo, Petrus, öffne die Pforte“.
Nichts geschah.
Er schaute fragend in die Runde. Alle nickten auffordernd mit dem Kopf. Er versuchte es erneut, dieses Mal mit mehr Nachdruck.
„Petrus, mach das Tor auf! Hier steht eine Gruppe ehrbarer Volksvertreter und begehrt Einlass“.
Die kleine Luke im großen Himmelstor öffnete sich und Petrus schaute heraus.
„Wo kommt ihr denn her? Mit euch haben wir wirklich nicht gerechnet“. –
„Man hat uns ohne vorherige Ankündigung von unserem irdischen Auftrag abberufen. Jetzt sehnen wir uns nach der ewigen Ruhe im himmlischen Paradies“, erklärte der Redeführer.
Petrus wirkte bekümmert. Sein Gesicht zeigte Bedauern.
„Es tut uns Leid, aber wir mussten die Pforte schließen und können derzeit niemand mehr einlassen. Der Ansturm war kaum noch zu bewältigen“.
Die Politikergruppe wurde unruhig. Der oberste Diener seines Staates begehrte auf.
„Aber wieso? Der Himmel ist doch riesengroß. Ich bin sicher, es gibt noch genügend Platz für so anständige Leute wie uns. Öffnet das Tor, wir finden uns schon zurecht. Ich wisst doch, wo wir herkommen“.
Petrus erwiderte: „Wir sind jetzt schon überfüllt durch die vielen Menschen, die im Laufe des letzten Jahres durch Terror, Krieg und auf der irdischen Flucht ihr Leben verloren haben. Die müssen nun alle versorgt werden. Versucht woanders, ob Euch jemand aufnehmen kann“.
Dem Wortführer wurde es zu bunt. Er verlangte demonstrativ nach dem Chef. Nach einer Weile erschien der himmlische Vater und öffnete einen Spalt breit die Himmelspforte.
„Ihr wollt mich sprechen?“, fragte er und schaute in die Runde.
„Wir wussten, dass Du uns aufmachen würdest“, erklärte der Volksvertreter im Brustton der Überzeugung.
„Wir warten hier draußen nun schon eine ganze Weile“.
„Und wir sind müde, hungrig und durstig“, ergänzte ein anderer mit leicht vorwurfsvollem Unterton und machte einen Schritt auf das Tor zu. Die Umstehenden rückten nach.
„Halt, halt“, sprach der himmlische Vater und hob abwehrend die Hand.
„Wenn wir Euch hereinlassen, bricht hier das Chaos aus. Wir brauchen jeden verfügbaren Engel um die vielen Menschen, die unerwartet zu uns gekommen sind, in die Himmelsgemeinschaft aufzunehmen und mit den hiesigen Bräuchen vertraut zu machen“.
„Aber wir sind doch lauter untadelige Menschen und haben im Leben immer nur unser Bestes gegeben. Wir haben uns den Einlass mehr als genug verdient. Du kannst ihn uns nicht verwehren“, beharrten jetzt mehrere, die zum Tor drängten.
„Wir brauchen auch keine Einweisung. Wo wir herkommen, kennt man die himmlischen Gepflogenheiten“, meldete sich einer der Jüngeren zu Wort.
Der himmlische Vater lächelte nachsichtig und entgegnete: „Wir müssen zuerst zusehen, dass die, welche schon da sind, einen geeigneten Platz finden, bevor wir das Tor für neu Ankommende öffnen können. Ihr habt doch selbst stets mit Nachdruck davor gewarnt, dass alles zusammenbricht, wenn bei der Aufnahme keine Ordnung herrscht und nicht eine gewisse Grenze eingehalten wird. Und außerdem“, er machte eine kleine Pause und schaute sie nacheinander prüfend an, „ob Ihr Euch unter den vielen Fremden hier wirklich wohl fühlen würdet?“
Einer der engsten Mitarbeiter des Redeführers meldete sich zu Wort.
„Aber wenn die Anderen alle etwas zusammenrücken, gibt es sicher genügend freien Platz für uns“.
„Ja“, seufzte der Himmlische Vater und wiegte bedächtig sein Haupt, „wenn alle etwas zusammenrücken… „. Dann trat er einen Schritt zur Seite und schloss bis auf weiteres das große Tor.
Als sich das Oberhaupt der Politikerrunde umdrehte, um sich mit der Gruppe zu beraten, stellte er erschrocken fest, dass er alleine war. Wo waren seine Getreuen geblieben? Er rief ihre Namen, aber sie verhallten im Weltall.
Plötzlich spürte er, dass ihn jemand von hinten an der Schulter packte. Ihm wurde unheimlich zumute.
„Loslassen“, rief er und versuchte den unbekannten Angreifer abzuschütteln. Aber der Griff wurde fester und man rüttelte ihn kräftig durch.
„Nein! Nein!“ rief er in panischer Verzweiflung und riss sich mit Gewalt los. Schweißnass blinzelte er aufrecht im Bett sitzend ins grelle Licht.
„Hast wieder geträumt?“ hörte er die genervt übermüdete Stimme seiner Frau.
Der Politiker ließ sich erschöpft zurück aufs Kissen sinken und brummelte etwas Unverständliches.
„Von Flüchtlingen und der Obergrenze wahrscheinlich!“, schickte sie vorwurfsvoll hinterher.
„So ähnlich“, antwortete er kurz angebunden und drehte sich zur anderen Seite.
„Oh Mann“, schalt sie, „wenn Du so weitermachst, tut’s bald einen Knall und Du findest Dich beim Herrgott wieder“.
„Da komm ich grad her“, murmelte er in den Bart.
„Was hast gesagt?“, wollte sie wissen.
„Ach nix. Mal den Teufel nicht an die Wand. Machs Licht aus und lass mich schlafen.“

2016_09_21 © Kira Schmitz