Ein Hauch von Normalität

Ende 2015 wurden die bei der Kinder- und Jugendbibliothek der Stadt Mannheim ehrenamtlich tätigen Vorlesepaten angefragt, ob sie sich vorstellen könnten, bei der Betreuung der Kinder in den Flüchtlingsunterkünften mitzuhelfen. So bin ich zum Feudenheimer Flüchtlingsforum und nach Spinelli gekommen. Nach kurzer Vorbereitung begann mein Einsatz dort im Februar 2016. Zu zweit oder zu dritt kümmerten wir uns zunächst vormittags oder nachmittags jeweils eine Stunde um Kinder zwischen 3 und 8 Jahren und spielten mit ihnen, während die Eltern im Deutschunterricht waren. Dann kamen die Osterferien und sowohl der Deutschunterricht als auch die Betreuung wurden vorübergehend ausgesetzt, da mehrere der Unterrichtenden und Betreuer in Urlaub gingen.
Nach Ostern war es ruhig geworden in Spinelli. Die Häuser waren weitgehend geräumt worden. Wo die Menschen geblieben waren, ob sie auf andere Unterkünfte verteilt, oder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt worden waren, haben wir nicht erfahren. Es war nicht klar, ob wieder Familien nach Spinelli kommen würden. Sollte mein Einsatz in der Flüchtlingshilfe, den ich mit viel Enthusiasmus und ein wenig Anfangsbauchweh begonnen hatte, nach so kurzer Zeit schon wieder zu Ende gehen?

Im Juni erhielten wir die Information, dass neue Familien angekommen sind, und die Kinderbetreuung wieder aktiviert werden sollte. Vorerst nur nachmittags bei trockenem Wetter mit Spielen auf dem inzwischen schön angelegten Freigelände vor dem Familiengebäude.
Als Anita, meine Kollegin, und ich am folgenden Freitagnachmittag ankamen, waren nirgendwo Kinder zu sehen. Wir holten einen Eimer mit Softbällen und ein Springseil aus der Sporthalle außerdem Straßenkreide und überlegten, wie wir die Kinder auf uns aufmerksam machen könnten.
Am Hauseingang der Familienunterkunft stand eine Dame der Security. Da wir nicht selbst in das Gebäude gehen durften, beschlossen wir, sie zu bitten, den Kindern Bescheid zu geben, dass wir da sind, um mit ihnen zu spielen.

„Es sind zur Zeit nur wenige Kinder in Spinelli“, ließ sie uns freundlich wissen.
„Das hat man uns gesagt. Wären Sie so nett und würden denen, die da sind, sagen, dass wir sie zum Spielen einladen?“ baten wir sie.

„Zwei tunesische Kinder sind verreist, ein Kind ist geistig und körperlich stark behindert. Das kann nicht kommen. Außerdem ist zurzeit Ramadan. Da schlafen die meisten Leute mittags, auch die Kinder“, erklärte sie uns, ging dann aber trotzdem hinein, um nachzuschauen.

„Zwei Kleine liegen noch im Bett, hat mir eine Mutter gesagt, aber zwei Größere aus Afghanistan kommen gleich runter“, teilte sie uns mit, als sie zurück kam.

Kurz darauf erschienen zwei fröhliche Kinder, ein Mädchen und ein Junge.
„Ich heiße Anita“, „ich heiße Erika“, stellten wir uns vor, „und wie heißt ihr?“
„Rosina“, sagte das Mädchen und „Mirvis“ nannte der Junge seinen Namen. Mit Hilfe der Finger bekamen wir heraus, dass beide 8 Jahre alt waren. Wir zeigten ihnen die Spielsachen und sie fingen damit an, abwechselnd mit uns Bälle in den Eimer zu werfen, wobei es sehr lustig zuging. Die Kinder waren meist treffsicherer und Mirvis wurde eindeutig Sieger. Eine Frau stand in der Nähe und schaute uns zu. Wie sich herausstellte, war es die Mutter der beiden schlafenden Kinder. Wir luden sie ein, mitzuspielen und sie war sichtlich froh über die Abwechslung. Nach einer Weile hatten Rosina und Mirvis Lust zum Seilspringen, aber das hielt nur kurz an. Anschließend saßen wir an einem der Tische, die am Rand des Grüngeländes aufgestellt sind. Ich holte einen Notizblock und einen Kuli aus meinem Rucksack und Mirvis zeichnete mit flinken Strichen ein Bild. Fast über das ganze Blatt, eine einzelne Blume in einer winzigen Vase. Daneben Bäume mit Kirschen, Sonne und Wölkchen.

Dann schauten sie Bilderbücher an, die ich mitgebracht hatte und freuten sich, als ich ihnen vermittelte, dass sie sie behalten dürfen. Mit der Straßenkreide bemalten wir den gepflasterten Weg, der quer durch die Grünfläche führt, und machten zusammen Hüpfspiele. Als sie davon genug hatten, steuerten sie den kleinen Sandkasten an. Obwohl wir uns sprachlich nicht verständigen konnten, wurde relativ schnell klar, dass sie mit uns Familie spielen wollten. Rosina deutete auf Anita.

„Papa“, meinte sie voller Überzeugung. Ich wurde zur Mama erkoren. Mit den Sandförmchen „übten“ wir nebenbei ein wenig deutsche Begriffe und Farben.
„Das ist ein Fisch. Der Fisch ist gelb.“ Anita und ich sagten die Sätze vor, Mirvis und Rosina sprachen sie nach. Als nächstes gab es eine Fragerunde. Wir zeigten auf einen Gegenstand.
„Was ist das?“ oder „Welche Farbe hat die Schnecke?“ Es klappte ganz gut. Fast auf Anhieb kam immer die richtige Antwort. Dann füllte Mirvis den kleinen Eimer mit Sand und setzte einen Sandkuchen auf das beim Sandkasten liegende Brett. Rosina zeigte darauf.

„Geburtstag“, sagte sie lächelnd und deutete auf mich. Weitere Sandkuchen wurden gebacken und verziert, Sand-Kaffee getrunken, Sand-Eis aus dem Eisförmchen geschleckt. Dann mussten Anita und ich uns umdrehen. Selbstverständlich durfte die Überraschung, das Geburtstagsgeschenk, aus der Sandkiste gezaubert, nicht fehlen. Später knotete Mirvis geschickt das Springseil am Ast eines großen Baumes fest, legte das Holzbrett vom Sandkasten darauf und die beiden schaukelten damit. Eine aus der Not geborene Konstruktion, auf die Kinder, die nur mit fertigen Spielgeräten aufwachsen, wohl kaum kommen.

Die Betreuungszeit verging wie im Flug und wurde etwas länger, als vorgesehen. Kurz bevor wir gingen, holte Mirvis noch seinen kleinen Bruder, der inzwischen aufgewacht war. Als wir uns verabschiedeten, wollten Rosina und Mirvis wissen, ob wir am nächsten Tag wieder kommen und machten enttäuschte Gesichter, als wir ihnen zu verstehen gaben, dass wir erst eine Woche später wieder da wären. Wir konnten nicht ahnen, dass dieser Tag der einzige bleiben sollte, den wir miteinander erleben durften.
Als ich zuhause meinen Rucksack auspackte, fand ich Mirvis‘ Zeichnung darin, versehen mit Vor- und Zuname. Den Zeichenblock und die Zeichenstifte die ich für ihn besorgte, konnte ich ihm nicht mehr geben und auch nicht nachschicken, da niemand wusste, wo er inzwischen war.
Unsere Begegnung dauerte nicht einmal zwei Stunden an einem Nachmittag im Juni 2016.

Kira Schmitz (10.06.2016 verfasst im Oktober 2016)