Schlaf

Atemlos regiert die Zeit,
die Menschen stets zur Eile treibt.
Sie frisst sich fett an ihrem Eifer,
geilt sich auf an Gier und Geifer,
bis sie prall vor Lust pulsiert,
ihr feister Leib schier explodiert
und sie geschwind ein Kind gebiert.

Ein Mädchen, ganz aus Fleisch und Blut,
das gleich der Mutter niemals ruht,
bald lauthals schreit voll Tatendrang –
Essenz der Zeit, der es entsprang.

Es tobt und wütet um die Welt,
die es fortan in Atem hält,
ihr Inneres nach außen kehrt,
ein Feuer, das sich selbst verzehrt.

Mit einer Geste seiner Hand
entfacht es einen Flächenbrand,
beschleunigt selbst der Erde Lauf
und zwingt ihr seinen Rhythmus auf.

Konstantes Beben und Vibrieren –
schneller, schneller ohne Rast –
soll alles Leben dominieren,
da es sich sonst selbst verpasst!

Doch dann beginnt der siebte Tag,
der zeigt, was sich bislang verbarg –
ein Ort, der all das Chaos flieht
und sich dem Geist der Zeit entzieht,

wodurch zum ersten Mal geschieht,
dass sich das Kind im Spiegel sieht.

In einem See, der nie erwacht,
geräuschlos träumt bei Tag und Nacht,
nur atmet, atmet unentwegt,
wobei er sich doch niemals regt.

Als sich das Mädchen selbst erblickt,
verstummt die Uhr, die in ihm tickt,
versiegt der Strom, erlischt die Glut,
entschläft zuletzt auch seine Wut.

Dann wagt es zaghaft einen Schritt,
mit dem es schließlich übertritt
in ein entrücktes Element,
das weder Gier noch Eifer kennt,
sodass das Kind darin vergisst,
was war, was sein wird und was ist.

͠

Reglos liegt der See, umgibt sie.
Stille schmiegt sich zärtlich an sie,
legt sich um sie und umhüllt sie,
schenkt ihr Atem.
Kühl behütet schwebt sie,
wiegt sich wie ein Haar im Wind.
Wieg‘ dich in den Schlaf, mein Kind.